Weniger Innovation Theatre. Mehr Umsetzung.

Für die REWE Group ist Nachhaltigkeit längst kein Nice-to-have, sondern Teil der unternehmerischen Zukunftsfähigkeit. Mit der Climate Tech Challenge sucht das Unternehmen deshalb gezielt nach technologischen Lösungen für konkrete Herausforderungen im eigenen Unternehmen. Im Interview spricht Georg Reifferscheid, Venture Architect und Investor bei der REWE Group, darüber, warum Climate Tech vor allem dann Wirkung entfaltet, wenn Innovation auf reale Probleme trifft – und was Start-ups mitbringen müssen, damit aus einer guten Idee eine skalierbare Lösung wird.

1. Warum ist Nachhaltigkeit für die REWE Group ein ernstes, strategisches Thema und nicht nur Kommunikation?

Die REWE Group ist ein international tätiges Handels- und Touristikunternehmen – und eine Genossenschaft. Nachhaltigkeit ist darum für uns ein ganz wesentlicher Teil unseres unternehmerischen Selbstverständnisses und unserer Geschäftsstrategie. Kein Nice-to-have, sondern Grundlage für Zukunftsfähigkeit.

Wir haben uns als REWE Group verbindliche Klimaziele (SBTi) gesetzt. Entscheidend ist aber, dass Nachhaltigkeit nicht in einer isolierten Einheit stattfindet, sondern in den Fachbereichen verankert ist. Dort werden die operativen Entscheidungen getroffen, die am Ende Wirkung erzeugen. Ich glaube grundsätzlich, dass Nachhaltigkeit dann erfolgreich ist, wenn sie gleichzeitig ein Business-Thema ist. Wenn eine Lösung Emissionen reduziert, Energie spart, Prozesse verbessert und wirtschaftlich sinnvoll ist, dann muss niemand mehr überzeugt werden.

Themen wie Energieeffizienz, Ressourcenschonung oder resiliente Strukturen sind nicht nur gut fürs Klima, sondern auch wirtschaftliche Notwendigkeit. Persönlich interessiert mich deshalb vor allem die Umsetzungsseite. Am Ende entstehen Veränderungen nicht durch Zielbilder oder Absichtserklärungen, sondern durch konkrete Lösungen für reale Probleme. Genau deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit Climate Tech.

2. Du setzt mit deinen Challenges gezielt auf Scope 1 und 2. Wo genau setzt ihr an, um Emissionen zu senken und warum ist Technologie der Hebel?

Als Händler haben wir naturgemäß einen sehr großen Scope-3-Anteil. Deshalb wird dort bereits viel gemeinsam mit Lieferanten und Partnern gearbeitet. Mit den Challenges fokussieren wir uns aktuell auf Scope 1 und 2, weil wir dort unmittelbar selbst handeln können. Das betrifft beispielsweise Energieverbrauch, Kältetechnik oder bestimmte Prozesse in Logistik und Betrieb. Der spannende Punkt ist: Viele dieser Herausforderungen lassen sich nicht allein über neue Prozesse lösen. Dafür braucht es technologische Innovationen.

Climate Tech ist für mich deshalb kein Nachhaltigkeitslabel, sondern ein Lösungsansatz. Gute Technologien reduzieren Emissionen und verbessern gleichzeitig die operative Leistung.

Die interessantesten Lösungen schaffen oft mehrere Effekte gleichzeitig: weniger Energieverbrauch, geringere Kosten, mehr Effizienz und weniger Emissionen. Genau diese Kombination suchen wir.

3. Wie funktioniert die Climate Tech Challenge und warum habt ihr euch für dieses Format entschieden?

Wir starten nie mit der Frage, welche Technologie gerade spannend ist. Wir starten mit der Frage: Welches Problem hat den größten Pain und sollte gelöst werden? Deshalb sprechen wir zunächst mit den Fachbereichen und sammeln konkrete Herausforderungen aus der Praxis. Erst wenn diese priorisiert sind, starten wir den Call for Applications.

Das Format selbst halten wir bewusst schlank. Es geht nicht um Innovation um der Innovation willen. Es geht darum, passende Lösungen für konkrete Probleme zu finden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Skalierung. Wir schauen nicht nur auf einen einzelnen Anwendungsfall. Wenn eine Technologie funktioniert, prüfen wir frühzeitig, wo sie konzernweit relevant sein könnte. Genau dadurch entsteht echter Mehrwert.

4. Kannst du uns durch die letzte Challenge führen? Welches Thema stand im Fokus und wie war die Resonanz?

Unsere letzte Challenge konzentrierte sich auf Lösungen für Logistik und Supply Chain Management und wurde erstmals über nahezu alle strategischen Geschäftseinheiten und Vertriebslinien hinweg ausgespielt. Hierzu zählen neben den Vertriebslinien REWE und PENNY, BILLA & Co. auch die toom Baumärkte, unsere E-Commerce-Aktivitäten sowie der Convenience Bereich mit Lekkerland.

Die Resonanz war sehr stark. Wir haben zahlreiche Bewerbungen erhalten, darunter viele internationale Start-ups. Das zeigt, wie dynamisch der Climate-Tech-Markt aktuell ist. Besonders wichtig ist uns dabei der Auswahlprozess. Wir veranstalten keinen Pitch-Wettbewerb, bei dem die beste Präsentation gewinnt. Stattdessen bringen wir die Start-ups direkt mit den Fachleuten zusammen, die später mit den Lösungen arbeiten würden. Da sitzen dann Lagerleiter:innen oder Energieverantwortliche am Tisch.

Deren Frage ist relativ einfach: Funktioniert das in unserem Betrieb und löst es unser Problem? Genau diese Frage entscheidet am Ende über Erfolg oder Misserfolg einer Innovation.

5. Welche Start-ups haben es bis zur Pilotierung geschafft und was haben diese besonders gut gemacht?

Aktuell begleiten wir mehrere spannende Lösungen in Pilot- oder Evaluierungsphasen. Dazu gehört beispielsweise ein Start-up mit einer innovativen Alternative zu klassischen Palettenwraps sowie auch eine Kühllösung, die ohne konventionelle Kältemittel arbeitet.

Was erfolgreiche Start-ups auszeichnet, ist überraschend selten die Technologie allein. Die besten Teams verstehen das Problem ihrer Kunden sehr genau. Sie sprechen nicht primär über Visionen, sondern über konkrete Anwendungsfälle. Sie liefern belastbare Daten, verstehen operative Abläufe und können nachvollziehbar erklären, welchen Mehrwert ihre Lösung tatsächlich bringt.

Kurz gesagt: Sie überzeugen nicht durch Buzzwords, sondern durch Praxisnähe. Sie stellen im besten Fall mehr Fragen, als das sie versuchen nur in Antworten zu denken.

6. Was rätst du Start-ups, die mit einem Konzern wie der REWE Group zusammenarbeiten wollen?

Mein wichtigster Rat lautet: Sprecht die Sprache des Fachbereichs und nicht die Sprache der Investoren. Die Verantwortlichen in den operativen Einheiten wollen wissen:

Welches Problem löst ihr, wie und wann?

Wie groß ist der Nutzen?

Wie aufwendig ist die Implementierung?

Welche Ergebnisse sind realistisch?

Das sind meist die entscheidenden Fragen.

Der zweite Punkt ist Erwartungsmanagement. Große Organisationen arbeiten anders als Start-ups. Entscheidungen betreffen viele Stakeholder, Prozesse und Standorte. Deshalb dauern viele Schritte länger. Wer diese Realität versteht und als Teil des gemeinsamen Lernprozesses akzeptiert, hat deutlich größere Erfolgschancen. Am Ende entsteht Vertrauen nicht durch große Versprechen, sondern durch belastbare Ergebnisse. Und genau dieses Vertrauen ist die Grundlage jeder erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Start-up und Konzern.

Schlussstatement

Die Climate Tech Challenge ist für uns kein Innovationsmarketing. Sie ist ein Werkzeug, um reale Herausforderungen mit realen Lösungen zusammenzubringen. Wenn Climate Tech einen Unterschied machen soll, dann nicht auf einer Konferenzbühne, sondern im Markt, im Logistikzentrum oder im täglichen Betrieb. Für mich ist Innovation deshalb dann erfolgreich, wenn sie drei Dinge schafft: Sie funktioniert in der Realität, sie skaliert und sie erzeugt messbare Wirkung.

Oder anders gesagt: Weniger Innovation Theatre. Mehr Umsetzung.

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